GRÄNS (Border)

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Immer, wenn man glaubt, dass man jetzt wirklich, wirklich alles schon einmal gesehen hat…

Tina ist anders. Sie hat das akzeptiert, sich damit arrangiert und erklärt sich selbst ihre ungewöhnliche Erscheinung mit einem Chromosomenfehler. Sie ist von eher uneleganter Gestalt, dafür kann sie Angst und Scham bei Menschen wittern, was sich bei ihrer täglichen Arbeit beim Zoll als vorteilhaft erweist – Minderjährige mit drei Flaschen Wodka im Rucksack oder der Geschäftsmann mit den Kinderpornos auf der Simkarte, Tina riecht es sofort, wenn was faul ist im Staate Schweden. Und abends nach der Arbeit ist sie barfuß im dunklen Tann auf Du und Du mit Fuchs und Elch unterwegs. Dafür wird sie von Hunden gehasst, insbesondere von den Kampfkötern, die ihr ansonsten unbrauchbarer Lebensgefährte im Vorgarten züchtet und gerne auch einmal vor den Fernseher setzt, wenn er sich Pferderennen ansieht.

Das könnte alles auf ewig so beschaulich-zähflüssig weitergehen, würde Tina nicht eines Tages auf der Arbeit einen mysteriösen Fremden beschnüffeln, der ähnlich troglodytisch auftritt wie sie und auch eine seltsame Narbe am verlängerten Rücken trägt. Ohne allzu viel spoilern zu wollen, aber wer bis dahin gut aufgepasst hat, den Trailer gesehen hat und bedenkt, dass die Geschichte in Skandinavien spielt, der ist Tina gedanklich schon ein paar Schritte weiter voraus, als einem das Drehbuch zutraut. Letzteres zögert die Auflösung dann lange hinaus, wodurch Tinas Selbstfindungsprozess sich ähnlich beschaulich-zähflüssig gestaltet wie ihr bisheriges Leben.

So zeigt sich, dass es zwar eine mutige und originelle Idee war, eine eigentlich im Fantasy-Grenzbereich angesiedelte Geschichte als sprödes Arthaus-Drama mit sexuell flexiblem romantischem Einschlag zu erzählen, aber auch eine überambitionierte. Die Balance zwischen realistischem Sozialdrama und Märchen gelingt nicht immer. Bei so einer Geschichte mit absurden Elementen ist es immer gefährlich, ganz todernst zu erzählen, es wird gerade dann schnell einmal lächerlich.

Und wenn man schon Schwierigkeiten hat, die zugrundeliegende Kurzgeschichte auf Spielfilmlänge zu bringen (es hätten auch nicht unbedingt zwei Stunden sein müssen), so wäre es interessanter gewesen, die angedeuteten Parallelen zu rassistisch bedingten Eugenik-Programmen und Kindesabnahmen wie in Schweden, Australien, etc. zu vertiefen, als den Kinderpornofall auf eine krimimäßige Nebenhandlung auszudehnen. Apropos Kurzgeschichte: Ich habe mir schon während des Films gedacht, dass die Atmosphäre mich an LÅT DE RÄTTE IN (So finster die Nacht) erinnert, und es ist tatsächlich der selbe Autor. Aber schon bei dem und auch beim Remake LET THE RIGHT ONE IN habe ich die Idee überzeugender gefunden als die Umsetzung.

Fazit: Interessant und anders, kann den Hype aber nicht durchgehend rechtfertigen.

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S 2018. Regie: Ali Abbasi. Buch: Ali Abbasi, Isabella Eklöf, John Ajvide Lindqvist. Darsteller: Eva Melander, Eero Milonoff, Jörgen Thorsson, Ann Petrén, Sten Ljunggren, Kjell Wilhelmsen.  110 min.

 

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